Ein Engel für Anton - DTK - Gruppe Lüneburg

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Ein Engel für Anton

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EIN ENGEL FÜR ANTON

(Artikel erschienen im „wochenkurier Iserlohn/Letmathe/Hemer“ vom 11.12.2010)

Ein Engel für Anton

Von Erika Reichel

Ein kalter Windstoß riss Anton aus seinen Gedanken. Etwas steif und unbeholfen erhob er sich, reckte und streckte seine steif gefrorenen Glieder. Noch immer konnte er nicht begreifen, dass sein bester Freund und Kumpel Henry unter diesem Hügel lag. Täglich besuchte er ihn auf seinem Rundgang.
Lamgsam brach die Dämmerung herein. „Mal sehen, wo ich heute eine Bleibe finde und etwas zu fressen bekomme“, dachte Anton. Jeder kennt und mag ihn, aber keiner gibt ihm ein neues Zuhause.
Auf dem Weg zu dem kleinen Dorf sah er Cilly, seine Rivalin aus der Jugendzeit, auf der Fensterbank eines vornehmen Hauses sitzen. Was haben sie sich oft gefetzt und gejagt. Jetzt ist sie eine verwöhnte und fette Mieze geworden. „Nee, nichts für mich“, dachte Anton, „einfach so die Freiheit aufgeben. Bei Henry hatte ich zwar ein Heim gefunden und immer einen vollen Futternapf, aber meine Freiheit ließ er mir trotzdem“. Er würdigte Cilly keines Blickes und zog nicht einmal die Lefzen hoch.
Es war schon fast dunkel als Anton das Dorf erreichte. Seltsam, etwas war anders heute. Ein angenehmer Duft lag in der Luft und überall aus den Fenstern blinkte und leuchtete es. Unwillkürlich erinnerte sich Anton an die schönen Abende mit Henry, an denen er gemütlich am warmen Kamin lag und der Freund genüsslich seine Pfeife rauchte. Der Fressnapf war besonders gut gefüllt und Henry trank dunkelrotes Wasser aus einem schönen Glas.
Plötzlich riss ein beißender Geruch Anton aus seinen Träumen. Schnuppernd steckte er seine Nase in den Wind. Diese Geruch, nein, der verhieß nichts Gutes. So schnell ihn seine Pfoten trugen rannte er los. Alles war ruhig, nichts rührte sich. Blitzschnell spurtete Anton um die Straßenecken, übersprang einige Mülltonnen und blieb laut bellend vor einem kleinen Fachwerkhaus stehen. Beißender Rauch quoll unter der Haustür hervor. „Wau, wau, wau“, laut bellend kratzte er an die Haustür, sprang daran empor und jaulte so laut er nur konnte.
Ein Fenster öffnete sich. „Du verdammter Köter, halt deine Schnautze! - Äh, äh – Feuer, Feuer, Feuer“ schrie dann die aufgeregte dunkle Männerstimme. Im Nu war die Straße voller Menschen. Hilferufe, Schreie und das Tatü Tata der herannahenden Feuerwehr. Anton saß abwartend an der Straßenecke. Er hatte ein gutes Gefühl. Sein Instinkt sagte ihm: „Du hast alles richtig gemacht.“
„Wer hat das Feuer eigentlich entdeckt?“ Der Dorfpolizist schaute fragend in die Runde. „Dieser Köter, da hinten sitzt es“, sagte ein junger Mann herablassend. Der Polizist schaute kurz auf, erblickte Anton und sagte mit zorniger Stimme: „Das ist kein Köter, das ist Anton. Er hat hier eine Katastrophe verhindert, schämen sie sich, sie Flegel!“ „Komm her, Anton, du bist der Held des Tages, ein wahrer Lebensretter.“
Beide gingen zur kleinen Polizeiwache, wo Otto, der Polizist, sein Dienstzimmer hat. Anton legte sich zufrieden vor den warmen Pofen, während Otto sich in seinem alten Korbsessel niederließ und sich seine Tabakspfeife stopfte.
„Siehst du, Anton, jetzt ist es wie in alten Zeiten, als ich mit Henry Skat gespielt habe und du gemütlich in deinem Korbe geschlummert hast. Du bleibst jetzt bei mir, wenn du willst.“
„Wau“, Anton spitzte die Ohren und sah Otto aus treuen Augen an.
Plötzlich klopfte es an die Tür. Otto öffnete und fand einen Korb auf den Treppenstufen. Obenauf lag ein Zettel mit einer Nachricht: „Sorry, Herr Wachtmeister – Sorry, Anton, es tut mir sehr leid.“ Ein schönes und friedliches wünscht „der Flegel“.
„Sieh an, sieh an. Anton schau mal, das Christkindchen hat dir ein schönes Geschenk gebracht“, rief Otto. Schwanzwedelnd beschnupperte Anton die große Wurst. „Die hast du dir auch wohlverdient“. Otto lächelte zufrieden.
Genüsslich verzehrte Anton sein Geschenk und Otto kostete den edlen Tropfen. Mit seiner Lieblingspfeife in der Hand ging er zum Fenster und öffnete es. Während er in der sternklaren Nacht dem schwindenden Pfeifenrauch nachschaute sah er zum Himmelszelt hinauf und sagte: „Ja, mein lieber Henry, da hast du uns im richtigen Moment ein Weihnachtsgeschenk gesandt – Einen Engel für Anton“.

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